Analyse der vorhandenen Strukturen gegen Rechts in Hamm

Die Angebote und Strukturen zum Thema Rechtsradikalismus sind in Hamm vielseitig und zum Teil hervorragend ausgebaut. Dennoch sind einige Probleme zu verzeichnen, so dass die vorhanden Möglichkeiten nicht effektiv genutzt werden. Hervorzuhebende Probleme sind die Verfolgung eigennütziger Motive beim Einsatz gegen Rechts, Berührungsängste unterschiedlicher Gruppen und die fehlende Bekanntheit der Angebote.

3.1 Runder Tisch gegen Radikalismus und Gewalt

Der „Hammer Appell“ wurde 1991 als Zeichen gegen Intoleranz und Gewalt im Sozialausschuss der Stadt Hamm beschlossen. Seit 2000 trifft sich dieses Bündnis als Runder Tisch und vereint VertreterInnen der Kirchen und Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, Parteien, Wohlfahrtsverbänden, Unternehmer- und Handelsverbände, Polizei, Stadt Hamm und weitere Initiativen und Gruppen, wie die Arnold-Freymuth-Gesellschaft oder die AIDS-Hilfe. In Zusammenarbeit mit den jeweiligen Organisationen hat der Runde Tisch seit Bestehen viele Projekte organisiert. Hervorzuheben sind Aktionen wie „Gesicht zeigen gegen Rassismus und Gewalt“, „Hamm ist bunt – nicht braun“ oder die Kundgebungen gegen Rechts am 23. Oktober 2010 und am 6. Oktober 2012.

Die Vielseitigkeit und Größe des Runden Tisches ist als besonders positiv zu bewerten. Hier findet breite Vernetzung und Austausch statt, so dass Informationen und Handlungen langfristig abgesprochen werden können. Die Struktur dieses Runden Tisches ist im Vergleich zu anderen Städten hervorzuheben.

Einhergehend mit der Vielseitigkeit werden jedoch auch einzelne immanente Schwachstellen deutlich: Zwar ist positiv zu erwähnen, dass Konflikte und inhaltliche Meinungsverschiedenheiten nicht öffentlich, sondern gemeinsam und fair am Runden Tisch ausgetragen und verhandelt werden. Die Planung von Aktionen und die Konsensfindung werden dadurch jedoch verlangsamt und erschwert. Selten ist auch zu verzeichnen, dass die Eigeninteressen wie die Profilierung einzelner Akteure oder gesetzliche Handlungseinschränkungen über die gemeinsamen Interessen des Hammer Appell gestellt werden (müssen). Auch eine gemeinsame Präsentation als Hammer Appells, wie eine Internetseite oder Veranstaltungsformate, wird nur selten erreicht oder teilweise behindert.

Darüberhinaus ist entscheidend, dass die Teilnahme der Mitglieder fast ausschließlich neben dem Beruf und ehrenamtlich stattfindet. So dass die zeitaufwendigen und komplizierten Organisationen und Planungen von Veranstaltungen und Kundgebungen ebenfalls freiwillig, neben dem Beruf und neben der eigenen Organisation abläuft. Ein kontinuierlicher Einsatz nur für den Runden Tisch ist jedoch so nicht leistbar. Das die Arbeit bisher dennoch so reibungslos lief ist nur dem Engagement der Mitglieder und der Sprecher zu verdanken, deren Engagement nicht stark genug gewürdigt werden kann.

 

3.2 haekelclub 590

Im Zuge des Naziaufmarsches vom 23. Oktober 2010 bildete sich ein breites antifaschistisches Bündnis, um der Nazidemonstration in Hamm entgegenzutreten. Aus diesem gemeinsamen Ziel entstand der Wunsch nach einer weitergehenden Zusammenarbeit gegen Rechts. Der haekelclub 590 ist ein antifaschistisches Jugendbündnis, das die vielfältigen Aktivitäten vieler antifaschistischen Initiativen in Hamm bündeln und koordinieren will.

Durch die breite Aufstellung verschiedenster junger Initiativen schafft es der haekelclub neben Gegendemonstrationen und eigenen Kundgebungen auch Recherche und Informationen zusammenzutragen und für Informationszwecke weiterzuverarbeiten. So hält der haekelclub Vorträge in Hammer Schulen und für Organisationen und Verbände und informiert dort über Ideologie, Auftreten und die lokalen Personen der Hammer Nazi-Szene. So konnten schon mehrere hunderte Menschen über die Gefahren der Nazi-Szene aufgeklärt werden. Darüberhinaus organisiert der haekelclub öffentliche Bildungsveranstaltungen zum Thema Rechtsradikalismus.

Hervorzuheben ist die vom haekelclub 590 organisierte Demonstration am 1. Oktober 2011, die mit 700 Menschen die größte Demonstration in den vergangenen 10 Jahren war und die ein deutliches Zeichen gegen Rechts gesetzt hat. Zu der Demonstration hatte auch der Runde Tisch aufgerufen, was seitdem zu einer stetig steigenden Zusammenarbeit und Vernetzung geführt hat. So führte 2012 die Demonstration des haekelclubs zur stationären Kundgebung des Runden Tisches (organisiert durch DGB und die Stadt Hamm) und Mitglieder des haekelclubs nehmen an den Sitzungen des Runden Tisches teil.

Kritisch anzumerken ist, dass durch die Aufstellung als Jugendbündnis nur in Teilen die Öffentlichkeit erreicht werden kann, die etablierte Strukturen und Organisationen erreichen. Auch die finanzielle Ausstattung dieses jungen Clubs ist deutlich geringer und daher in ihrem Handeln stärker eingeschränkt. Zukünftig ist es entscheidend, dass die konstruktive Arbeit und Vernetzung mit dem Hammer Appell fortgesetzt werden kann. Inhaltliche Differenzen sollten weiterhin offen angesprochen und die Akzeptanz von unterschiedlichen friedlichen Aktions- und Protestformen gefördert werden.

 

3.3 Antifaschistische Initiativen

Bereits vor und unmittelbar nach der Gründung der Kameradschaft Hamm engagierten sich unterschiedliche antifaschistische Initiativen in Hamm gegen organisierten Neonazismus und Rassismus. Dazu zählte beispielsweise die Antifaschistische Aktion Hamm, die Gründungsmitglied des Jugendbündis haekelclub 590 (s.o.) ist und neben Infoveranstaltungen auch Demonstrationen organisiert.

Antifaschistische Initiativen und überparteiliche Bündnisse wie das mittlerweile nicht mehr aktive Bündnis „Hamm stellt sich quer“ organisierten regelmäßige Gegendemonstrationen zu den öffentlichkeitswirksamen Aufmärschen der Neonazi-Szene und informierten die Öffentlichkeit der Stadt kontinuierlich mittels Vortragsveranstaltungen und Broschüren über den Rechtsradikalismus in Hamm. So erschien bereits 2005 eine umfangreiche Broschüre, die über die Strukturen und Aktivitäten der Kameradschaft Hamm aufklärte.

Seit Ende 2012 gibt es als weitere Initiative eine Ortsgruppe der VVN-BdA in Hamm, welche nach einem erfolgreichen Gründungstreffen nun ihre Arbeit aufgenommen hat.

 

3.4 Schulen

Neben dem Elternhaus wird besonders in der Schule die Persönlichkeitsentwicklung und die Stärkung der sozialen Kompetenzen vorangebracht. Hier muss die Grundlage einer offenen und demokratischen Gesellschaft gelegt werden. Dafür muss generell die Selektion im Bildungssystem überwunden werden, welche zurzeit Kinder vor allem aus finanz-schwächeren Schichten und/oder mit Migrationshintergrund Aufstiegs- und Bildungschancen verbaut.

Vor Ort sind Schulen und LehrerInnen unterschiedlich engagiert, das Thema Rechtsradikalismus zu behandeln. Standardmäßig werden in allen Schulformen und nach den Lehrplänen das Thema Drittes Reich und 2. Weltkrieg behandelt. Zusätzlich werden teilweise aktuelle Tendenzen der rechten Szene aufgegriffen. Festzuhalten ist jedoch, dass die nach Lehrplan benötigte Zeit kaum ausreicht und viele sinnvolle Themenbereiche, wie zum Beispiel die Geschichte Hamms zwischen 1933 und 1945, nicht behandelt werden können. Trotzdem ist hervorzuheben, dass die meisten Schulen in Hamm sich über den Lehrplan hinaus dem Thema annehmen.

Zu betonen ist die Mitwirkung einiger Schulen am Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ (SOR-SMC) und die damit einhergehende jahrgangsstufenübergreifende Beschäftigung mit Vorurteilen und Rassismen. In Hamm sind bisher das Elisabeth-Lüders-Berufskolleg, die Martin-Luther-Schule, das Märkische Gymnasium, die Konrad-Adenauer-Realschule, die Hardenbergschule und das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium als SOR-SMC zertifiziert. Weitere Hammer Schulen werden in nächster Zeit folgen.

Als weiteres Projekt ist die Lesereihe „Bücher aus dem Feuer“ des Freundeskreises der Stadtbücherei mit Unterstützung des Runden Tisches hervorzuheben. Seit vielen Jahren besuchen engagierte Hammer BürgerInnen und Prominente 9. Klassen, um dort Bücher und Autoren vorzustellen, die in Hamm und in vielen anderen Städten im Nationalsozialismus verbrannt wurden. Hieran beteiligt sich eine Vielzahl von Hammer Schulen.

Ebenfalls in vielen Hammer Schulen haben Teamer des Projektes „90 Minuten gegen Rechts“ der DGB-Jugend zwei Unterrichtsstunden mit SchülerInnen die Ideologie, das aktuelle Auftreten und Gefahren der rechten Szene behandelt.

Darüberhinaus haben viele Schulen eine eigene Herangehensweise an das Thema Rechtsradikalismus und greifen immer wieder Themenbereiche heraus. Hier zu erwähnen sind eigene Projekttage zu dem Thema (z.B. Friedensschule), das Konzert „Rock gegen Rechts“ (SV Freiherr-vom-Stein-Gymnasium), Integrationsfussballturniere (z.B. Elisabeth-Lüders-Berufskolleg), Projektgruppen zum Thema „Jüdisches Leben in Hamm“ (Friedensschule in Kooperation mit dem Stadtarchiv/ausgezeichnet vom Runden Tisch) sowie viele einzelne Projekte, wie Ausstellungen, Plakate oder einzelne Schulstunden.

Von den einzelnen Erfahrungen der Schulen könnten bei engerem Austausch alle Hammer Schulen profitieren. Durch eine sinnvolle Koordinierung, sowie Bewerbung der vielfachen Möglichkeiten könnten noch mehr SchülerInnen von den Angeboten profitieren.

 

3.5 Kinder- und Jugendarbeit

In allen Stadtbezirken findet durch die städtische Kinder- und Jugendarbeit die Partizipation von Jugendlichen am gesellschaftlichen Leben statt. Dort lernen die jugendlichen Besucher gemeinsames Handeln nach demokratischen Spielregeln mit Toleranz, Diskussionsführung, Argumentation und Diskussion umzugehen. Ziel der Arbeit ist den Jugendlichen Weltoffenheit, das Kennenlernen unterschiedlicher Kulturen, internationaler Austausch und Jugendbegegnungen und den Abbau von Vorurteilen nahe zu bringen.

In den Jugendzentren finden zum Teil Aktionstage und Workshops statt, die das Thema behandeln. So werden beim gemeinsamen Kochen oder in Kooperation mit religiösen Gemeinschaften interkulturelle Erfahrungen gesammelt. Mit einem Konzert gegen Rechts der Falken, Jusos und EVG-Jugend im Kubus kann der Grundstein gelegt sein, weitere Konzerte zu dem Thema anzubieten.

Die MitarbeiterInnen in den städtischen Jugendeinrichtungen können Eltern und Kinder über Beratungen zum Rechtsradikalismus informieren. Hier fehlt es jedoch zur Zeit an einer Koordinierung und zentralen Sammlung von auflaufenden Meldungen. Kritisch anzumerken ist ebenfalls, dass leider nur ein kleiner Kreis von Jugendlichen erreicht werden kann und durch die Kürzung von Streetworkern auch die aufsuchende Jugendarbeit deutlich zu kurz kommt. Hier könnten rechte bzw. gewaltbereite Entwicklungstendenzen früher bemerkt und eingedämmt werden.

 

3.6 Migrations- und Integrationsarbeit

Die Arbeit für interkulturelle Dialoge in der Stadt ist positiv hervorzuheben. Die Zusammenarbeit zwischen Stadt Hamm, Integrationsrat und den vielen Gruppen von MigrantInnen sorgt für eine Vielzahl von regelmäßigen Dialog- und Kulturveranstaltung und fördert so Toleranz und Multikulturalität. Beispielhaft sind der Interreligiöse Gesprächskreis, das Interreligiöse Friedensgebet, die Interkulturelle Woche der Stadtbücherei, Interkulturelle Konzerte, Interkulturelle Veranstaltungen wie „Hamm International“ oder „Kulturbunte Stadt Hamm“, der seit vielen Jahren stattfindende Hammer Ramadanmarkt bzw. das gemeinsame Fastenbrechen sowie die vielfältigen Kontakte zu ausländischen Städten mit den entsprechenden Austauschen auch von Jugendgruppen zu erwähnen.

Der Austausch über unterschiedliche Gebräuche, Sitten und Speisen sorgt für Akzeptanz und baut Berührungsängste ab. Der Fokus der Migrations- und Integrationsarbeit liegt stark auf den vielen Moschee- und religiösen Vereinen. Ein stärkeres Angebot über die Einzuggrenzen und Quartiere hinaus, wie z.B. Straßenfeste, könnte die Akzeptanz und Kontaktmöglichkeiten in der Hammer Bevölkerung weiter stärken. Kritisch betrachtet werden muss die soziale und räumliche Trennung unterschiedlicher Herkünfte. Im Städtebau muss verstärkt darauf geachtet werden, diese räumliche Trennung abzubauen und einseitige Quartiersbildung zu vermeiden.

 

3.7 Volkshochschule

Die Volkshochschule bietet vielfältige Programme, Ausstellungen und Möglichkeiten zum Thema Rechtsradikalismus bzw. zum Abbau von Vorurteilen und Intoleranz. Hier findet ein reger Austausch über aktuelle Entwicklungen und interkulturelle Pluralität statt. Diese Angebote gilt es aber weiter bekannter zu machen und weiter zu fördern.

 

3.8 Stadtarchiv

Durch die gezielte Arbeit zur Hammer Geschichte zwischen 1933 bis 1945 wird eine kritische Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus gefördert. Besonders hervorzuheben sind die Angebote an historischen Daten und Gedenken, die Verlegung von Stolpersteinen im gesamten Stadtgebiet (häufig in Kooperation mit Schulen und örtlichen Initiativen) und die Zusammenarbeit mit dem Hammer Geschichtsverein. Dieser widmet sich verstärkt auch dem Thema des aktuellen Rechtsradikalismus.

Die öffentliche und dezentrale Herangehensweise des Stadtarchivs ist positiv hervorzuheben und beugt damit einer Verklärung des Nationalsozialismus vor.

 

3.9 Stadtteilbezogene Arbeit

In den verschiedenen Stadtteilen gibt es mehrere Angebote die für eine offenere Gesellschaft sorgen und Tendenzen des Rechtsradikalismus entgegenwirken. Zu erwähnen sind hier die Stadtteilarbeit im Hammer Westen und im Hammer Norden.

Durch das Bundesprogramm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ konnten in Heessen seit Juni 2011 bisher 25 Mikroprojekte von Schulen, Vereinen, Kindertageseinrichtungen und religiösen Glaubensgemeinschaften gefördert werden. Diese dienen dazu Grenzen zu überwinden, Engagement zu fördern und das Miteinander zu stärken. Hier gilt es zu beachten, dass die Projekte zusammengeführt und über den Förderzeitraum (bis Dezember 2013) weiter unterstützt werden.

 

3.10 Weitere Angebote

Neben den größeren vorhandenen Strukturen, regelmäßiger Arbeit und der direkten und indirekten Vorbeugung vor rechtsradikalen Tendenzen gibt es viele kleine Möglichkeiten, die das Thema behandeln. Beispielsweise sind zu nennen:

  • Bücher aus dem Feuer
  • Der Freundeskreis der Stadtbücherei Hamm (fsh) bietet in Kooperation mit dem Runden Tisch Schulklassen eine Beschäftigung mit dem Thema Bücherverbrennung an.
  • 90 Minuten gegen Rechts
  • Das Projekt der DGB-Jugend Dortmund-Hellweg ermöglicht Schulklassen eine zweistündige Auseinandersetzung mit der aktuellen Entwicklung des Rechtsradikalismus.
  • Informationsveranstaltungen
  • Der Runde Tisch gegen Radikalismus und Gewalt bietet häufig in Kooperation mit der Arnold-Freymuth-Gesellschaft Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen Themen (z.B. Aussteigerinitiativen) an. Auch der haekelclub informiert häufig in Zusammenarbeit mit Schulen über Entwicklungstendenzen und die lokale Szene. Daneben bieten Parteien und Initiativen ebenfalls regelmäßige Diskussionsveranstaltungen zum Rechtsradikalismus.
  • Informationen für Gaststätten
  • Grade in Lokalen und Gaststätten organisieren sich Neonazis und rechtsradikale Parteien wie die NPD. Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus hat 2012 einen nützlichen Ratgeber entwickelt, der Gastwirte und andere VermieterInnen beim richtigen Umgang mit Anmietungen durch Rechtsradikale berät. Auch Projekte wie „Kein Bier für Nazis“, dass in anderen Städten (Köln, Wuppertal, Emsdetten) erfolgreich läuft, findet unter Hammer Gastronomen Anklang. Ein kritischer Blick auf Gaststätten, die bewusst Neonazis als Kunden akzeptieren, muss geschärft werden.
  • Gedenkveranstaltungen
  • Zu den vielen historischen Ereignissen finden einige Gedenk- und Mahnveranstaltungen (häufig in Kooperation mit Schulen) statt, die die Verbrechen des Nationalsozialismus immer wieder in Erinnerung rufen. Dabei ist darauf zu achten, dass kein Opfermythos gepflegt wird.