Rechte in Hamm

Zwischen Militanz und “Mitte des Volkes


Die Kameradschaft Hamm

Aktivitäten de Kameradschaft Hamm (KSH) haben in den lezten zwei Jahren wieder zugenommen, neue Akteure sind hinzugestoßen. Zum Aktionsrepertoire gehören auch Sachbeschädigungen, die sich gegen den politischen Gegner richten und vermutlich bis hin zu Brandanschlägen reichen. Ab er auch Teilen der NPD kann die KSH etwas abgewinnen. Deren nordrhein-westfälischer Landesverband gehört allerdings nicht dazu.

Zirka 250 Neonazis marschierten am 23.Oktober 2010 durch die 30Kilometer nordöstlich von Dortmund gelegene 180.000- EinwohnerInnenstadt, um gegen einen angeblich drohenden “Volkstod” zu demonstrieren. Es war der erste größere Neonaziaufmarsch in Hamm seit einigen Jahren, der zugleich Höhepunkt und Abschluss einer neonazistischen “Kampagne” sein sollte.

In Hamm existiert eine über Jahre gewachsene Neonzai-Szene. Die Kameradschaft Hamm wurde Anfang 2003 gegründet und war später Teil des Aktionsbüro Westdeutschland (AB West), eines Zusammenschlusses “Freier Kameradschaften”, der bis zur Inhaftierung von Axel Reitz im Jahr 2006 die Szene in Hamm dominierte. Auch in Hamm wurde die vom AB-West praktizierte Aufmarsch-Strategie umgesetzt, so dass in den Jahren 2003 bis 2006 neun Kundgebungen und Demonstrationen stattfanden. Dann musste es allerdings der lokale Kameradschaftsführer Sascha Krolzig eine halbjährliche Haftstrafe antreten. In der Folgezeit wurde es ruhiger um die Szene, die durch weitere Haftstrafen und den Wegzug einiger Mitglieder nach Dortmund geschwächt wurde. Erst ab 2008 gelang es, neue InteressentInnen um den kleiner gewordenen Kern der Kameradschaft zu sammeln. Unter den heutigen KSH-Mitgliedern sind nur noch wenige zu finden, die bereits in der aktionistischen Hochphase dabei waren, unter ihnen Steven Nüsken und die Brüder Dennis und Jens Möller. Dennoch verfügt die KSH über ein großes Umfeld. Diverse ehemalige AktivistInnen leben nach wie vor in Hamm und sind der Szene weiterhin verbunden, auch wenn sie nicht mehr regelmäßig an Aktionen teilnehmen.

 

Gewalt gegen Linke

“Durch die kontinuierliche engagierte Arbeit hat sich Hamm in den letzten Jahren zum Nazi-Kiez entwickelt, in dem Linksextremisten schon längst keine Hausmacht mehr besitzen”, glaubt die KSH. Damit ihr angeblicher “Nazi.Kiez” als solcher sichtbar bleibt, wird regelmäßig das Revier markiert, z.B. Mit gesprühten Hakenkreuzen und Parolen wie “Holocaust = Lüge”. Vor allem aber sollen die wenigen, die in Hamm öffentlich auf das Problem einer extremen rechten Szene hinweisen, eingeschüchtert werden. So wurde auf Flugblättern ein Juso-Aktivist in seiner Nachbarschaft als angeblich”verurteilter Kinderschänder” diffamiert, eine bösartige Verleumdung. Wenige Tage vor dem Aufmarsch im Oktober brannten in einem Garagenhof in Hamm drei Autos ab. Die polizei ermittelte Brandstiftung als Ursache und teilte mit, dass ein “rechtsradikaler” Hintergrund zumindest nicht unwahrscheinlich sei. In unmittelbarer Nähe des Tatorts wohnt ein Ratsmitglied der Partei Die Linke. Die abgebrannten Autos gehörten allerdings seinen Nachbarn. Sollte sich herausstellen, dass es sich bei den noch unbekannten TäterInnen tatsächlich um Neonazis handelte, wäre eine weitere Eskalationsstufe der extrem rechten Gewalt im östlichen Ruhrgebiet erreicht. Einen Brandanschlag auf Eigentum des politischer GegnerInnen hatte es in Hamm bislang nicht gegeben.

Im letzten Jahr wurde das Büro der Partei Die Linke  gleich fünfmal mit Farbe und Steinwürfen beschädigt. Auch 2011 gingen die Attacken weiter. Im Januar gelang es der Polizei allerdings in zwei Fällen, Verdächtige in der Nähe des Tatorts zu stellen. Unter ihnen befand sich Matthias Drewer. Der 19jährige gehört zu den umtriebigsten Neuzugängen der KSH. Vermehrt durfte er in letzter Zeit auf Aufmärschen zum Mikro greifen. Seine Reden waren stets eine Mischung aus rassistischen und antisemitischen Anspielungen sowie brutale Rachefantasien; vorgetragen mit sich oft überschlagener Stimme. Mehrfach beendete er seine Beiträge mit Zitaten von “Größen” des NS-Regimes. Zudem betätigt er sich in der Rechtsrock-Szene, zuerst mit der Band Gruppenzwang, anschließend als Bassist bei Libertin, der Hausband der “Autonomen Nationalisten” im Großraum Dortmund. Da die Polizei Drewer für mehrere Straftaten verantwortlich macht erging am 25. Februar 2011 ein Haftbefehl gegen ihn. Nachdem er in Untersuchungshaft genommen war, versammelten sich nach Polizeiangaben 70 Neonazis zu einer spontanen Demonstration in Hamm.

 

Neue Aufgabenverteilung

Als am 12. Februar 2011 etwa 150 Neonazis in Soest aufmarschierten, um den gewaltsamen Tod eines Jugendlichen für ihre rassistische Hetze zu instrumentalisieren, lag die Organisation der Versammlung maßgeblich in den Händen der Kameradschaft Hamm. Dem Versammlungsleiter Krolzig stand dabei neben Matthias Drewer vor allem Hendrik Blum zur Seite. Der Endzwanziger bewegt sich noch nicht lange in den Kreisen der KSH, übernimmt Aufgaben im Ordnerdienst oder fährt den Lautsprecherwagen. Ebenfalls regelmäßig dabei ist der aus dem Kreis Warendorf stammende 24-jährige Florian Buxel. Zwar ist die KSH keine reine Männertruppe, Frauen übernehmen aber eher selten öffentlich wahrnehmbare Funktionen.

An der Spitze der KSH ist eine neue Aufgabenverteilung erkennbar: Seitdem Krolzig wegen der Aufnahme eines Studiums in Bielefeld wohnt, übernimmt vermehrt Dennis de Piccoli organisatorische Aufgaben. So meldete er auch den Aufmarsch im Oktober an. Vor Ort aber hatte Sascha Krolzig als Versammlungsleiter das Sagen. Der 23-jährige bleibt der wichtigste Protagonist der Gruppe. Über Jahre konnte das ehemalige Mitglied des zwischenzeitlich aufgelösten Kampfbundes Deutscher Sozialisten (KDS) ein Netz an Kontakten in der Szene knüpfen. Einige dieser politischen Weggefährten wie Christian Worch, Axel Reitz und der in den letzten Jahren in NRW kaum mehr präsente Hartmut Wostupatsch sprachen auf der „Volkstod“-Demo im Herbst.

 

NPD und KSH

„Auch wenn wir als Nationale Sozialisten nicht in allen Punkten mit der NPD einer Meinung sind, so überwiegen doch die Gemeinsamkeiten.“ Mit diesen Worten begründete die Kameradschaft Hamm die enge Zusammenarbeit mit der NPD, deren lokaler Kreisverband keinerlei Berührungsängste zu offen als Nationalsozialisten auftretenden „Kameraden“ und Gruppen der „Autonomen Nationalisten“ hat. Daran haben selbst die Gewalttätigkeiten der Hammer Neonazi-Szene nichts geändert. Die Jugendlichen aus dem Umfeld der KSH sind zur Stütze des NPD-Wahlkampfes in der Region geworden. Ohne sie hätte die NPD in den letzten zwei Jahren weder Infotische durchführen noch Propagandamaterial in nennenswertem Umfang verteilen können. An der Spitze des Kreisverbandes steht mit Hans Jochen Voß ein Fürsprecher und Sponsor der „Freien Kräfte“, der sich der Abhängigkeit seiner Partei von den jungen Aktivposten bewusst ist.

Im März reiste eine KSH-Abordnung sogar nach Sachsen-Anhalt, um beim Landtagswahlkampf der NPD zu helfen. Begeistert kehrten die Reisenden von ihrem Einsatz zurück. Die NPD sei in Sachsen-Anhalt „mit ihren Positionen und politischen Forderungen in die Mitte des Volkes“ vorgedrungen, was einen Wahlsieg wahrscheinlich mache. Die Aufgabe der NPD als „parlamentarischer Arm“ sei es „radikale Fundamental-Opposition zu betreiben und nicht der Beteiligung an den staatlichen Futtertrögen zu verbürgerlichen“.

Im Gegensatz zu ihrer Bewunderung zu „Matthias Heyder und seine Mannschaft“ in Sachsen-Anhalt gehen die Hammer Neonazis beim NPD-Landesverband NRW auf Distanz. In dessen Vorstand seien „VS-Spitzel und Kameradenverräter“ – gemeint sind die NPD-Mitglieder Thorsten Crämer und Melanie Händelkes – gewählt worden. Solange der Landesvorstand um Claus Cremer den beiden den Rücken stärke und die Kritik aus den Reihen der „Freien Kräfte“ ignoriere, beteilige sich die KSH nicht Aktionen des Landes-NPD, hieß es aus Kreisen der Kameradschaft. Die langjährige Kooperation mit der NPD Unna/Hamm wurde durch diesen Streit allerdings nicht getrübt. Diese hatte erst am 10. März –wenn auch etwas verspätet – brav zum achten Geburtstag der KSH gratuliert: „Herzlichen Glückwunsch. Wir sind stolz darauf, diese Zeit mit Ihnen und Euch gemeinsam gegangen zu sein. Auf viele weitere gemeinsame Jahre.“

 

Artikel aus der Lotta #43 – Zur Website der Lotta