Redebeitrag 29.4. (Antifa)

Liebe Freundinnen und Freunde, es freut mich, dass ihr alle heute zu unserer Kundgebung gekommen seid, um gegen die Veranstaltung im „Nationalen Zentrum“ zu demonstrieren. Ich denke, es ist höchste Zeit, dass alle Anstrengungen intensiviert werden, damit dieser Ort nicht länger von den Nazis genutzt werden kann.

Seit 2012 verfügt die Hammer Nazi-Szene über angemietete Räume; zuerst mit dem Ladenlokal in der Werler Straße, das allerdings vor dem Verbot „Kameradschaft Hamm“ im August 2012 gekündigt wurde. Seit Ende 2012 haben die Nazis nun Zugriff auf die Hinterhofräumlichkeiten im Kentroper Weg. Antifaschist*innen haben seitdem stets gefordert, dass diese Räume dichtgemacht werden. Doch der Vermieter scheint kein Problem mit den Nazis zu haben; und die Stadt Hamm hat – mal wieder – nicht verstanden, dass keine Sonntagsreden, sondern nur konsequentes Handeln die Neonazis stoppt.

Wir haben den Eindruck, dass sich die Verantwortlichen in Hamm nicht bewusst sind, welche wichtige Funktionen Räumen, wie jene im Kentroper Weg, erfüllen. Jede Politik braucht Räume. Das gilt auch für die Nazis. Und dabei macht es wirklich einen Unterschied, ob sich die lokale Kameradschaft irgendwo am Kanal oder auf dem Spielplatz treffen muss; ob die NPD „getarnt“ und unter falschen Angaben gegenüber dem Wirt ihre Veranstaltungen in Hinterräumen von Gaststätten abhalten muss – ODER: ob dafür eigene Räume zur Verfügung stehen, in denen die Nazis schalten und walten können wie möchten.

Nazis brauchen Räume für Treffen und Versammlungen, für Schulungsveranstaltungen und Vorträge, zur Lagerung von Materialien – und nicht zuletzt auch für das gesellige Zusammenkommen, sprich für Partys und Konzerte. Für all dies werden die Räume im Kentroper Weg genutzt. Sie sind sowohl Rückzugsort für die Nazis wie Ausgangspunkt ihrer Aktivitäten – und sie werden nicht bloß von „Die Rechte“ sondern ebenso von der NPD genutzt, die ihre monatlichen Vorträge im Kentroper Weg abhält, weil sie eingesehen hat, dass sie im Kreis Unna keine Gaststätten mehr sicher nutzen kann. Ihnen diese Räume – und damit einen wichtigen Teil ihrer Infrastruktur – zu nehmen, schwächt die Nazis. Zumal die Szene in Dortmund nicht mehr über frei nutzbare Räume verfügt. Dort haben Stadtverwaltung und Politik nach einigen Jahren nämlich verstanden, wie wichtig es ist, solche Nutzungen durch Nazis zu unterbinden.

In den vergangenen zwei Jahren finden in Hamm auch vermehrt Rechtsrock-Konzerte bzw. Liedermacherabende statt. 2016 zählten wir fünf Konzerte – drei fanden im Kentroper Weg statt und zwei in Vereinsheimen von Schützenvereinen. Die antifaschistische Zeitschrift „LOTTA“ hat in ihrer aktuellen Ausgabe eine Statistik von Neonazi-Konzerten in NRW veröffentlicht. Demnach gab es im letzten Jahr landesweit 21 Konzerte und Liedermacherabende – fast jedes vierte bzw. 25 Prozent dieser Konzerte fand in Hamm statt.

Die Bedeutung der Rechtsrock-Konzerte für die Neonazi-Szene wird oftmals verkannt. Es handelt sich nicht nur um Musikveranstaltungen. Konzerte sind ein wichtiger Teil der neonazistischen Erlebniswelt: sie schaffen Gemeinschaftserlebnisse und Kommunikationsorte. Politische Inhalte werden emotional aufgeladen präsentiert. Gerade in Zeiten, in denen in einer lokalen Szene wenig Bewegungsgefühl existiert, schaffen sie Selbstvergewisserung.

Nicht zuletzt sind sie eine bedeutende Einnahmequelle: Jede und jeder kann sich ausrechnen, dass bei einem Eintrittspreis von 10 Euro schon bei 50 zahlenden Gäste eine beträchtliche Summe in die Kassen der Neonazis kommt. Größere Konzerte sind natürlich finanziell noch lukrativer.

Auch die Rechtsrock-Label sind für die Betreiber ein einträgliches Geschäft. Hinter den Rechtsrock-Labeln und der Organisation von großen Konzerten stehen oftmals Personen, die mit den Neonazi-Netzwerken von „Blood & Honour“ und den „Hammerskins“ verbunden sind. Die deutsche Division des internationalen „Blood & Honour“-Netzwerks wurde 2000 verboten, doch die Behörden haben Nachfolgeaktivitäten nur halbherzig verfolgt. So führten Dortmunder Neonazis Mitte der 2000er Jahre Konzerte unter dem „Blood & Honour“-Label relativ ungestört im benachbarten Belgien durch. Einer der Hauptorganisatoren dieser Konzerte war ein V-Mann des Verfassungsschutzes: Sebastian Seemann aus Lünen.

Heute soll im „Nationalen Zentrum“ im Kentroper Weg mit Dieter Riefling auch ein ehemaliger Führungskader von „Blood & Honour“ sprechen. Riefling, der aus dem Kreis Recklinghausen stammt, war Ende der 1990er Jahre einer der Anführer der niedersächsischen „Blood & Honour“ Sektion. Im Internet kursieren Fotos, die Riefling noch im Jahr 2015 vor einer „Blood & Honour“-Fahne posierend zeigen. Trotz des Verbotes bestehen die Netzwerke noch informell fort – das alte Netzwerk ist dabei um neue Personen und Gruppierungen ergänzt worden. „Blood & Honour“ war nach eigenem Selbstverständnis stets mehr als ein Musiknetzwerk. Der Name „Blood & Honour“ ist eng verbunden mit der Propagierung des bewaffneten Kampfes. Die Taten von Neonazi-Terroristen wie die der US-amerikanischen Gruppe „The Order“ oder des Berliner Kay Diesner wurden in den „Blood & Honour“-Fanzines verherrlicht. Ende der 1990er Jahre erschienen zahlreiche Pamphlete, in denen Konzepte zur Bildung von kleinen rechtsterroristischen Zellen in der Szene verbreitet wurden.

Diese Konzepte lassen sich als „Blaupausen“ für das Vorgehen des NSU lesen. „Blood & Honour“ spielte für die Jenaer Neonazis Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe aber noch eine andere wichtige Rolle: Als diese sich 1998 der Polizei entzogen und abtauchten, waren es Personen von „Blood & Honour“ die sie im „Untergrund“ unterstützten. Nahezu der gesamte Unterstützerkreis des NSU in Sachsen entstammte den sächsischen „Blood & Honour“-Strukturen. Das Jenaer Trio lebte bis November 2011 im sächsischen Zwickau. Aus Zwickau stammt auch der Liedermacher Maik Krüger, der heute im Kentroper Weg spielen soll. Krüger tritt unter dem Namen „FreilichFrei“ auf. Ihn verbindet mit dem NSU noch ein Lied, das er 2014 veröffentlichte.In dem Lied heißt es:

„Ein Haus, halb explodiert, eine Frau war’s, eine Neonazifrau. Und weil die Frau für uns alle Vorbild ist, wallfahrten wir die nächsten Jahre zu dem Haus, dass sie mir nichts dir nichts kaputt gemacht hat und wir, wir huldigen ihr, der hübschen Nazimaus.“

In der vierten Strophe singt er dann:

„die Frau und ihre beiden Männer, die ich hier selbstzensierenderweise nicht nennen will, obwohl sie super zusammenpassende Namen haben, sind die größten unserer Zunft. Sie waren die allerschlimmsten Floristen und das ist gut für uns“

Der Zusammenhang des Liedtextes lässt keine andere Deutung offen, als dass hier Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos gemeint sind. Der Verweis auf die „allerschlimmsten Floristen“ dürfte ein Wortspiel mit dem Begriff „Terroristen“ darstellen. Das ist eine, nur wenig verschleierte, Verherrlichung des NSU und seiner Morde! Und diese widerwärtige Verherrlichung findet heute in Hamm einen Raum. Weil wir dies nicht stillschweigend hinnehmen wollen, auch deshalb stehen wir heute hier. Wir fordern die Stadtverwaltung auf, dafür zu sorgen, dass das „Nationale Zentrum“ im Kentroper Weg dichtgemacht wird. Sollte die Stadt ihrer Aufgabe nicht gerecht werden, wir werden weiterhin mit unseren Mitteln gegen die Hammer Neonazis und ihre Treffpunkte vorgehen! Vielen Dank

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