Redebeitrag 29.4. (haekelclub590)

Für alle, die unseren Redebeitrag am Samstag nicht hören konnten, hier einmal schriftlich:

Geschichte und Vorfälle am Kentroper Weg

Nach dem Verbot der Kameradschaft Hamm am 23. August 2012 und der vorherigen Kündigung ihrer Lokalität an Werlerstraße organisierten sich die hiesigen Neonazis schnell neu und gründeten schon im Oktober 2012 den Kreisverband der Partei „Die Rechte“.

Im November desselben Jahres wurde von der eindeutig rechten Bruderschaft „Fraternitas Germania“ das sogenannte Zuchthaus im Kentroper Weg 18 eröffnet. Von Anfang an waren Mitglieder der verbotenen Kameradschaft Hamm in diesen Räumlichkeiten zugegen. Anscheinend kam es im Laufe der Zeit, auch durch den Druck antifaschistischer Recherche, und Streitigkeiten zwischen den Bruderschafts-Mitgliedern und Neonazis zur Trennung. Mitglieder der Bruderschaft, die nicht mit den Nazis kooperierten verließen die Bruderschaft. Die Sympathisanten, wie zum Beispiel Tim Hauptführer, traten der Partei  Die Rechte“ bei oder organisierten sich mit in derem Umfeld.

Von da an fungierte der Kentroper Weg als zentraler Anlaufpunkt für die Hammer Neonazi-Szene. So kam es aus eben diesem am 20. Juli 2013 im Anschluss der Nazi-Demonstration zu einem Angriff von ca. 30 Nazis auf linke Jugendliche. Auch nationalsozialistische Vorträge und Feiern etablierten sich schon ab 2013 im Kentroper Weg. So kam es zu einem „Zeitzeugengespräch“ mit dem SS-Untersturmführer Kurt Barckhausen, einer Gedenkveranstaltung für den Kriegsverbrecher Erich Priebke und dem Feiern des „Julfestes“ im Dezember.

Im Jahre 2014 stieg die Anzahl der in Hamm gehaltenen Vorträge enorm. Insgesamt wurden 10 Vorträge von unterschiedlichsten Neonazis gehalten. Organisiert wurden diese Vorträge von „Die Rechte“ oder der „NPD“, dadurch zeigt sich die breite Nutzung der Räumlichkeiten durch unterschiedliche Nazi-Gruppierungen. Zudem kam es 2014 im Laufe des Wahlkampfes durch die Neonazis Sascha Buber und Markus Nikolaus zu einem Übergriff auf einen 15-jährigen Schüler der Friedensschule. Die aus dem Kentroper Weg kommenden Neonazis waren mit einem Holzknüppel bewaffnet und würgten den Schüler so sehr das er kaum noch Luft bekam. Zum Ende des Jahres feierte der Kreisverband Hamm dann noch seine Weihnachtsfeier im Kentroper Weg.

Ab 2015 wurde der Kentroper Weg nicht nur mehr als ein ideologischer Schulungsort genutzt, nun feierten die Neonazis auch konspirativ organisierte Konzerte. Im Februar spielte die Band „Breakdown“ zugegen waren Neonazis von der NPD, ihrer Jugendorganisation der JN und Nazis aus den Niederlanden. Schon hierdurch ist zu erkennen wie hilfreich ein solches „Zentrum“ zur Vernetzung mit Neonazi-Gruppierungen sogar über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus ist. Im Mai folgte ein Konzert mit dem Sänger der Rechtsrockband „Projekt Chaos“. Ihrer nationalsozialistischer Gesinnung folgend durfte auch ein Vortrag der verurteilten Shoa-Leugnerin Ursula Haverbeck im Kentroper Weg nicht fehlen. Folgend kam es noch zu einem Vortrag von NPD-Politiker Olaf Rose und der Weihnachtsfeier des Kreisverbandes „Die Rechte“.

2016 startete am 16. Januar mit einem rechten Liedermacherabend und dem Duo „Zeitnah“ und dem ehemaligen Frontmann von „Projekt Chaos“. Eine Woche später kam es zu einem weiteren Vortrag eines alten Nazis, nämlich dem Waffen-SS Offizier Herbert Bellschan von Mildenburg und ein paar Tage darauf zu einer „Rechts Schulung“ für die Hammer
Bürgerwehrkameraden. Im Februar durfte Thorsten Heise seine wirren Ideen über den SA-Mann Horst Wessel vorstellen und im August spielte der Liedermacher „Flygien“.

Am 1. Oktober feierten die Nazis ihr nächstes größeres Konzert und die Geburtstagsfeier ihres Kameraden Dennis „Fetzo“ De Piccoli sowie den eines ehemaligen „Nationalen Sozialisten Münsters“ Manuel Breitrück, genannt Lupi. Diesmal feierten sie allerdings nicht in den Räumlichkeiten des Kentroper Weges, sondern in dem Schützenheim Berge-Weetfeld-Freiske. Ob die Nazis ihr Konzert von Anfang an dort geplant haben oder es durch die Veröffentlichungen der Antifaschistischen Aktion dorthin verlegt worden ist, ist bis heute ungewiss. Bei dem Konzert spielte die bekannte Band „Oidoxie“, „Zeitnah“ und „Renitenz“. Trotz der frühen Offenlegung, dem daraus folgendem Appell und sogar einem Maßnahmenkatalog zur Verhinderung oder Störung des Konzertes von der Antifaschistischen Aktion Hamm, hielten sich die Stadt Hamm und die Polizei zurück und ließen die Neonazis ihre menschenverachtenden Ideologien ausleben. Zwei Tage darauf gab es einen Liedermacherabend mit dem Hammer Neonazi Martin Böhne im Kentroper und im November mieteten sich die Neonazis wiedermal ein Schützenheim, dieses mal jedoch das des Allgemeinen Schützenvereins Bockum-Hövel wobei das Duo „Sturmwehr“ spielte.

Diese Aufzählungen schlagen nur den kleinen, bekannten Teil der Nazi Aktivitäten an. Fakt ist, dass sich Neonazis im Kentroper Weg regelmäßig und ungestört treffen können. Dadurch konnte sich um die Hammer Nazi Szene ein bundesweites Netzwerk aus rechten Menschen festigen, welches seine menschenverachtenden und rassistischen Ideologien ungestört austauscht und keine Befürchtungen von Seiten der Stadt oder der Polizei fürchten muss. Rechtsradikale können hier Aktionen, Anreisen zu Demonstationen und Veranstaltungen planen und durchführen, ohne dabei behelligt zu werden. Zudem bieten die szenebekannten Räumlichkeiten Neueinsteigern ein niedrigschwelliges Einstiegs-Milieu.

Martin Böhne und andere Neonazi-Musiker
Um die Bedeutung der Stadt Hamm in der Rechtsrock-Szene zu verstehen, sollte man sich den hammer Neonazi Martin Böhne einmal genauer anschauen. Böhne ist seit Jahren in der Neonazimusik-Szene aktiv und zwar als Gitarrist bei den Bands „Sleipnir“, „Oidoxie“, „Words of Anger“ und „Sturmwehr“, dass ein Neonazi in mehreren Bands spielt ist in der Szene nichts Ungewöhnliches und spricht für eine gute Vernetzung in der Szene.
Unter dem Namen „Freibadgrenadiere“ Hhat Böhne auch ein eigenes Bandprojekt.

Sleipnir und Oidoxie gehören zu den ältesten noch aktiven Bands in NRW und sind darüber hinaus europaweit bekannt. Oidoxie ist zudem ffest in das internationale Netzwerk “Blood & Honour/Combat 18″ eingebunden. Ihr Bandleader, Marko Gottschalk aus Dortmund, galt zeitweise als führender Repräsentant von Combat 18 in Deutschland. Bei diesem Netzwerk geht es nicht bloß um Musik: Combat 18 ist DAS Label für rechtsterroristische Gewalt. Aus diesen Strukturen wird seit Jahren der bewaffnete Kampf kleiner Neonazi-Zellen propagiert.

Der seit 2012 in Hamm wohnende Martin Böhne ist besonders umtriebig und reisefreudig, so reiste er mit der Rechtsrockband „Smart Violence“, die auf dem „Hammerfest“ spielte, im Oktober 2015 in die USA. Oder spielt mit Jens Brucherseifer als Liedermacher Duo „Sturmwehr“ in ganz Deutschland wie zum Beispiel 2016 auf dem „Rock für Identität“ in Thüringen. Mittlerweile tritt er auch alleine als Liedermacher auf und spielte beim Sommer Seminar der „Identitären Aktion“.

Durch seinen Zuzug nach Hamm gewann die hiesig Szene also unheimliches Vernetzungs- und Mobilisierungs-Potenzial, wodurch davon auszugehen ist, dass er bei dem Knüpfen von Kontakten und der Organisation von Konzerten entscheidend beteiligt ist.

Böhne ist nicht der einzige Neonazi-Musiker aus Hamm. Vor geraumer Zeit zog der Hammer Neonazi Patrick Gerstenberger in die unmittelbare
Nähe der Räumlichkeiten am Kentoper Weg, nämlich in die Hausnummer 19.
Gerstenberger ist der Schlagzeuger der Rechtsrock Oi-Band „Smart Violence“ und hilft bei „Division Germania“ aus. „Smart Violence“ ist eine 2012 mit klaren Bezügen zum Nationalsozialismus gegründete Band.
So ist im Intro des ersten Albums “Herkunft & Identität” eine Rede des NSDAP-Politikers Gregor Strasser unterlegt. Es ist auch eben jene Band, die 2015 beim Hammerfest in den USA gespielt haben. „Division Germania“ ist wiederum dem internationalen “Hammerskin” Netzwerk zuzurechnen, welches das Konzert in den USA veranstaltete.
Hamm ist anscheinend auch als Wohnort für Neonazi-Musiker äußerst attraktiv.

Natürlich sind Martin Böhne und Patrick Gerstenberger nicht alleine für die Etablierung einer Neonazi-Musikszene in Hamm verantwortlich. Dazu gehören einige Faktoren mehr, wie zum Beispiel das Jahrelangen
Wegschauen der Stadt und Stadtgesellschaft und dem anscheinend fehlenden Willen gegen Neonazi-Räumlichkeiten vorzugehen, sowie der seit Jahren kontinuierlich bestehenden und aktiven Neonazi-Szene.

Forderungen an die Stadt und Gesellschaft/Konsequenzen ziehen
Die Stadt und ihre Gesellschaft sollten endlich konsequent gegen die Räumlichkeiten im Kentroper Weg 18 vorgehen. Denn es ist nicht hinzunehmen, dass sich Vertreter*innen der extremen Rechten aus ganz NRW (und bundesweit) mehrfach im Jahr im „Kentroper Weg“ treffen und netzwerken können! Oder, dass menschenverachtender und Nationalsozialismus-verherrlichender Ideen ein Raum gegeben wird.

Wir fordern also, dass die Stadt Hamm endlich gemäß dem „Handlungskonzept gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gegen die Neonazi-Räumlichkeiten im Kentroper Weg 18 vorgeht.

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